Ludologie – Eine relevante Wissenschaft?

Im Rahmen des Profilseminars haben wir uns im Sprachenprofil des Q1-Jahrgangs mit der Frage beschäftigt, ob die Ludologie (Spielwissenschaft) eine relevante Wissenschaft sei. Zu dieser Fragestellung mussten wir eine kurze wissenschaftliche Hausarbeit anfertigen, wobei viele interessante Arbeitsergebnisse zustande kamen.

 

Ludologie – Eine relevante Wissenschaft?

Wenn Menschen das Wort „Ludologie“ hören, hört man als Reaktion von ihnen häufig Fragen wie „Was ist das?“ oder Ausrufe wie „Das habe ich ja noch nie gehört!“. Was man jedoch kaum zu sehen oder hören bekommt, ist ein kennendes Nicken oder eine Antwort ohne einen Unterton, der durchblicken lässt, dass die Person eigentlich gar nicht weiß, wovon man gerade spricht. Dieses Phänomen zeigt, dass die Ludologie in dem Bewusstsein der Bevölkerung lange nicht so präsent ist, wie beispielsweise die Biologie, die Chemie, die Soziologie oder die Philosophie. Dabei haben all diese Themengebiete einen Aspekt gemein: Es handelt sich um eigene Wissenschaften. Doch worum genau handelt es sich bei der Ludologie?

Die Ludologie, auch Spielwissenschaft genannt, beschäftigt sich mit der wissenschaftlichen Untersuchung von analogen sowie digitalen Spielen, dem Spielverhalten der Spielenden und dem Einfluss von Spielen auf das menschliche Denken und Handeln. Bei der Betrachtung dieses Themengebietes stellt sich allerdings vielen Menschen die Frage, ob die Ludologie als eigene Wissenschaft überhaupt relevant ist. Unter Betrachtung des heutzutage ständig wachsenden Spieleangebots und damit auch einer immer weiter verbreiteten Spielekultur ist dies eine wichtige Frage, die es sich durchaus lohnt zu stellen.

Auf der einen Seite umfasst die Ludologie viele Aspekte, die bereits in anderen Wissenschaften integriert sind. Von der Pädagogik, die sich umfassend mit dem Spiel als Lernform beschäftigt, über die Medienwissenschaft, die sich mit der Interaktivität und Rezeption von Spielen auseinandersetzt, bis hin zur Kulturwissenschaft, zu deren Aufgaben es gehört, die Symbolik und den Einfluss von Gesellschaftsspielen zu untersuchen, befasst sich eine nennenswerte Anzahl von Wissenschaften mit ludischen Themen. „Die Spielwissenschaft hat es bis heute nicht geschafft, als eine verbindende inter- und transdisziplinäre Universalwissenschaft zu einer Eigenständigkeit als anerkannte wissenschaftliche Disziplin zu kommen“ (Junge), zieht der Spieleforscher Prof. Dr. Jens Junge vom Institut für Ludologie als Konsequenz daraus. Das damit einhergehende Fehlen von Lehr- und Forschungssammlungen für Spiele begründet Junge außerdem mit der Tatsache, dass Spiele „den Status von Akzidenzdrucken, Gelegenheitsdrucken, wie Werbeflyer oder Werbeposter“ hätten (Junge). Daran anknüpfend wird außerdem häufig argumentiert, dass Spiele im Kern Freizeitaktivitäten und somit freiwillige und nicht-zweckgebundene Aktivitäten seien. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Spielen wird daher oft als Luxusthema gesehen, und Spiele gelten als sekundär im Vergleich zu Politik, Wirtschaft, Medizin oder Technik.

Doch auch, wenn diese Argumente tendenziell gegen die Anerkennung der Ludologie als eigenständige Wissenschaft sprechen, gibt es auf der anderen Seite einige Aspekte, die die Wichtigkeit der Spielwissenschaft betonen.

Als Teil einer Gesellschaft sollten wir lernen, die Prinzipien, nach denen wir leben, zu hinterfragen und einen kritischen Blick auf verschiedene Konzepte zu haben, die wir als selbstverständlich oder einfach konstruiert abstempeln. So finden nach Junge spielerische Elemente zunehmend Einzug in die Strategien von Unternehmensberatern oder Motivationstrainern, um „komplexe Sachverhalte leicht verständlich und besser merkbar, emotional aufgeladen zu vermitteln“ (Junge). Um diese Techniken zu verstehen und zu durchblicken, bedarf es Menschen, die sich damit auseinandersetzen, indem sie diese analysieren und der Gesellschaft näherbringen. Auch in dem im vom Game Designer und Professor Eric Zimmermann verfassten „Ludischen Manifest zum ludischen Jahrhundert“, auf das Junge in seinem Artikel ausführlich eingeht, genannten Beispiel der Online-Enzyklopädie Wikipedia als „chaotische Gemeinschaft, in der die Nutzer auch die Experten sind, die gemeinsam die Informationen erstellen und gleichzeitig das System als Ganzes weiterentwickeln“ (Junge) handelt es sich um eine alltägliche Anwendung, die Ähnlichkeit mit Spielen aufweist. Dies ist nach Junge darauf zurückzuführen, dass sich „in den letzten Jahrzehnten […] die Information […] in ein spielerisches Angebot und Verhalten verwandelt“ habe (Junge). Darüber hinaus fördert das Spielen verschiedene Kompetenzbereiche der Spielenden. Wer häufig komplexere Spiele spielt, trainiert sich ein Verhalten und eine Denkweise an, mithilfe derer er schneller Lösungen und entsprechende Lösungswege für Situationen findet. Auch auf Situationen wie Wettbewerbe und Konkurrenz bereitet das aktive Spielen vor und dient so in mehreren Bereichen als eine Art Übung ohne Konsequenzen für das wahre Leben. Umgekehrt könnte man auch feststellen, dass das Leben nahezu ausschließlich aus Situationen besteht, bezüglich derer man im kleineren Rahmen beim Spielen von Spielen Übung sammeln kann. Ein weiterer wichtiger Aspekt bezüglich der Frage nach der Relevanz der Ludologie betrifft allerdings auch die Zeit, in der wir leben, und die (technischen) Entwicklungen, die diese mit sich bringt. Eric Zimmermann bezeichnet den Aufstieg der Computer in seinem Manifest als „gleichbedeutend mit dem Wiederaufleben von Spielen in unserer Kultur“ (Junge). Der Autor und Professor für Gamedesign Thorsten Zimprich liefert teilweise eine Begründung für diese These in seinem Buch „Gamedesign und Spielentwicklung für Dummies“. „Computer bilden reale analoge Vorgänge lediglich in ihrer digitalen Welt ab“ (Zimprich), erklärt er auf die Fragestellung hin, warum es kaum einen Unterschied mache, ob ein Spiel analog oder digital sei. Zimprich begründet die Tendenz der Bevölkerung zu zunehmend digitalen Spielformen mit Bequemlichkeit. Weder die Wahrscheinlichkeiten, beispielweise beim Würfeln, noch „Zielgruppenarbeit, Kommunikation, Dokumentation und Story“ würden sich beim digitalen Spielen im Vergleich zum analogen Spielen allerdings ändern. Somit ist ebenfalls zu vermuten, dass durch die Popularität digitaler Spiele auch analoge Spiele in den letzten Jahren wieder an Beliebtheit gewonnen haben. Infolgedessen haben sich auch Publikumsmessen wie die SPIEL Essen zu Veranstaltungen mit mehreren 100.000 Besucherinnen und Besuchern jährlich entwickelt. Die neu geschaffenen Möglichkeiten von Online Games wie beispielsweise Chatsysteme oder spielinterne Datenbanken wie die „Unzensierte Bibliothek“ des Sandbox-Games Minecraft verursachen Probleme und bieten gleichzeitig Chancen, auf die man sich kaum vorbereiten und einstellen kann, da sich der technologische Wandel schnell vollzieht. „In einem ludischen Jahrhundert wird es langfristig für autoritäre Herrscher und Diktatoren nicht möglich sein oder zumindest noch schwieriger werden, geschlossene Informationssysteme aufrecht zu erhalten“ (Junge) schreibt Prof. Dr. Junge in Bezug auf jene „Unzensierte Bibliothek“, die eine Pressefreiheit in von Einschränkungen betroffenen Ländern unterstützen soll. Aus einer so weit verbreiteten Spielekultur und den schnellen Entwicklungen in unserer modernen Welt resultiert die Notwendigkeit einer Wissenschaft, die sich ausschließlich mit diesem Phänomen und dessen Zusammenhängen beschäftigt.

Nach Eric Zimmermann befinden wir uns im „ludischen Jahrhundert“ – so ist zu erwarten, dass sich die Ludologie in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zunehmend weiterentwickeln wird. Somit kommt man kaum darum herum, die Ludologie als relevante Wissenschaft anzusehen und den Bedarf zu erkennen, ihre Entwicklung zu fördern.

 

 

Literaturverzeichnis

  1. Dr. Jens Junge. „Ludisches Manifest zum ludischen Jahrhundert: Auf dem Weg zur Spielwissenschaft“. Institut für Ludologie, 28.06.2025, https://www.ludologie.de/blog/artikel/news/ludisches-manifest-zum-ludischen-jahrhundert-auf-dem-weg-zur-spielwissenschaft
  2. Thorsten Zimprich. „Warum macht es kaum einen Unterschied, ob ein Spiel analog oder digital ist?“. Gamedesign und Spieleentwicklung für Dummies, WILEY-VCH GmbH, 2021

Alcoholism und poverty – a vicious circle?

Im Rahmen unseres Semesterthemas „United Kingdom“ haben wir, die Q1s, uns in den vergangenen Wochen damit beschäftigt, was die britische und auch die schottische Kultur ausmacht. Vor allem bei letzterer denken viele Menschen zuerst an das „Nationalgetränk“ Schottlands, den Whisky. Dabei ist Whisky in Schottland erst im 19. Jahrhundert zu seiner Bekannt- und Berühmtheit gekommen. Während der Industrialisierung herrschten in großen Teilen des Landes starke Armut und schlechte Lebensbedingungen. Um diese Sorgen für einen kurzen Moment zu vergessen, wandten sich damals viele Arbeiter dem Alkohol zu, es gab also eine starke Verbindung zwischen Alkohol und Armut. Doch wie sieht das heute aus? Zu der Verbindung zwischen Alkohol und Armut und möglichen Ursachen für diese Verbindung haben wir im Unterricht Essays geschrieben. Ein Beispiel für ein solches Essay findet sich untenstehend.

Essay – Alcoholism and poverty

If someone asked you to think of a person suffering from alcoholism, who would come to your mind? Would you picture a top manager worth two million dollar who is planning to build his second villa on a tropical island? Or do you think of the old man living under a railway bridge owning almost nothing except a bottle of whisky besides him?

I have to admit that this question cannot be answered completely objectively while taking all the facts into account, since probability theory shows that it is much more likely to pass a railway underpass than to personally know a top manager worth two million dollar. However, I think the answer that most of you instinctively had in mind reveals a problem that cannot be ignored. 

There is a definite link between alcoholism and poverty. The German Institute for Health Research found out that in 2023, 21,6 out of 1.000 people with an average annual income of less than 15.000 euros suffered from alcoholism. In comparison, among people with an income of 25.000 – 30.000 euros, only 12,39 suffered from alcoholism.

But does this link exist only in one direction? Does poverty lead to alcoholism? Or is it the other way around? There are a lot of possible reasons suggesting that alcoholism can lead to poverty but at least the same amount of reasons that support the opposite.

After all, alcohol is an inebriating substance that may allow people to forget reality – and with it their worries – for a short moment. Especially those who are poor, homeless or burdened by debts are longing for a short break from reality. This desire drives them to drink alcohol, especially since alcohol is relatively cheap and easy available, as nearly every supermarked sells some form of alcohol. That‘s why even  people with limited financial means can afford and feel the need to buy alcohol.

To make matters worse, people who live in poverty often suffer from social isolation which is why they don‘t have a stable social environment that could show them possible ways out of their situation. Instead of talking to a friend or a family member in order to find support,, they often see drinking as their only escape from reality.

Nevertheless, alcohol isn‘t necessarily the consequence of poverty – it can be its source as well.

Especially long-term alcohol consumption can not only lead to a decline in productivity but also to frequent absences or tardiness due to hangovers. Both of these aspects are possible reasons for a dismissal from one‘s job and losing employment may quickly push people into poverty.

But you don‘t necessarily have to lose your job to fall into poverty due to alcohol as this drug may also cause physical or mental damage that makes you unable to continue your work and instead of this pushes you into the dependance of social welfare or early rentirement that only guarantees the minimum subsistence level.

In addition, people who suffer from alcoholism spend a lot of their money on alcohol, which not only leaves them with less money for food or social activities that could bring them into contact with other people, but also means that their financial resources are steadily decreasing.

The link between alcoholism and poverty can therefore also – or especially – be seen as a vicious circle as alcoholism costs people a lot of money in the long run and poor people are more likely to suffer from alcoholism.

Altogether, one can either see alcohol as the cause of poverty or poverty as a cause of alcoholism and even argue that the two aspects are connected in a vicious circle, there are many arguments for each of these points of view concerning the social, economic and psychological aspects. What remains undisputed is that there is a very strong link between alcoholism and poverty that carries many dangers.

 

CSD dies, CSD das; aber was ist das eigentlich?

Der CSD, auch Christopher Street Day  genannt, ist eine große Demonstration, bei der man sich für die Rechte von schwulen und lesbischen, aber vor allem queeren Menschen im Allgemeinen einsetzt. Den Ursprung hat der CSD in New York; Amerika, dort fand der erstmalige CSD am 7. November 1970 statt. Im Jahr davor fand der Stonewall-Aufstand statt, bei diesem protestierten queere Menschen gegen die gewalttätigen Razzien der Polizei, die sich gegen Homosexuelle und Transmenschen richteten. Seither ist es Tradition, in New York am letzten Samstag des Junis mit einem Straßenumzug an dieses Ereignis zu erinnern. Auch in vielen anderen Ländern ist es Tradition geworden, im Sommer eine Demonstration für die Rechte queerer Menschen zu machen.

Im April 1972 fand die erste Aktion in Deutschland statt, die an einen heutigen CSD erinnert. Danach hat er sich immer weiterentwickelt. Heute gibt es in fast jeder großen Stadt einen CSD, aber auch in kleineren Städten finden sie mittlerweile statt. 

Auch in Norderstedt, dieser fand am 24.05.25 unter dem Motto „Macht den Regenbogen wetterfest – Queere Menschenrechte in die Verfassung“ statt. Alle weiteren Termine findet man unter dem Link https://www.csd-termine.de.

Aber was heißt denn jetzt queer, trans und homosexuell?

Der Begriff queer wird heutzutage verwendet, um Menschen zu benennen, die sich nicht als  heterosexuell, nonbinär oder cisgender identifizieren. Er bezieht sich auf Menschen, die sich nicht mit traditionellen Geschlechteridentitäten und Sexualitäten identifizieren. Geschlechteridentität bezieht sich auf das Geschlecht, mit dem man sich identifiziert. Es kann zum Beispiel sein, dass man als Mädchen geboren wird, aber irgendwann merkt, dass es nicht richtig ist und man sich als Junge oder nonbinär identifiziert. Nonbinär ist man, wenn man sich keinem Geschlecht, Junge oder Mädchen, zugehörig fühlt. Transsexuell ist man, wenn man sich nicht mit dem Geschlecht identifiziert, dass einem bei der Geburt zugeordnet wurde. Den Begriff „cis“ nutzt man , wenn man sich dem Geschlecht, das einem bei der Geburt zugeordnet wurde, zugehörig fühlt. 

Unter Sexualität versteht man, zu wem sich eine Person hingezogen fühlt. Es gibt viele verschiedene Arten von Sexualität, aber die häufigsten sind unter anderem:

-heterosexuell: Anziehung zum anderem Geschlecht als sich selbst

-homosexuell: Anziehung zum gleichen Geschlecht, wie sich selbst

-bisexuell: Anziehung zu beiden Geschlechtern

-pansexuell: Anziehung zu einer Person unabhängig von ihrer sexuellen und geschlechtlichen Identität

-asexuell: keine Anziehung zu irgendeiner Person

 

Quellen

https://de.wikipedia.org/wiki/Christopher_Street_Day

https://de.wikipedia.org/wiki/Geschlechtsidentität

Marsha P. Johnson – Pay it no mind

„Pay it no mind“ („Beachte es nicht“)

 

Diese Antwort erhielten nicht nur der Richter, der die Afroamerikanerin Marsha P. Johnson einst nach der Bedeutung des „P“s in ihrem Namen fragte, sondern auch alle Menschen, die sich nach ihrer geschlechtlichen Identität erkundigten. Der Satz wurde zum Lebensmotto der Transsexuellen, Dragqueen und vermutlich bis heute bedeutendsten LGBTIQ+ Aktivistin.

Geboren wurde sie im Jahr 1945 als Malcolm Michaels Jr. in Elizabeth, New Jersey in den USA. Sie war das fünfte von sieben Kindern der ärmlichen Arbeiterfamilie Michaels, ihr Vater arbeitete am Fließband einer Fabrik und ihre Mutter als Haushälterin. Bereits mit 5 Jahren begann Marsha P. Johnson, Frauenkleider zu tragen, hörte nach einigen Diskriminierungserfahrungen in der Schule und dem sexuellen Missbrauch durch einen 13-jährigen Jungen jedoch zunächst wieder damit auf.

Erst nachdem sie 1963 ihren Highschool-Abschluss machte und mit nicht mehr als 15 US-Dollar nach New York zog, war es ihr möglich, ihre Geschlechtsidentität offener auszuleben. In Bezug auf diese beschrieb sich Johnson selbst als Homosexuelle, Transvestitin und Drag Queen und verwendete die Pronomen sie/er. Der Begriff „Transgender“ wurde erst nach Johnsons Zeit allgemein benutzt und bekannt. Obwohl New York offener und vielfältiger war als Johnsons Heimatstadt, waren auch hier die Rechte von LGBTIQ+ Personen stark eingeschränkt. So durften Homosexuelle in der Öffentlichkeit beispielsweise nicht miteinander tanzen und in Bars oder Restaurants wurde ihnen kein Alkohol ausgeschenkt.

Als offen Homosexuelle, Transvestitin und Person of Color hatte Marsha P. Johnson es schwer, eine Arbeit zu finden und war so gezwungen, als Prostituierte unter dem Namen „Black Marsha“ ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie wurde häufig von Kunden missbraucht und etliche Male von der Polizei verhaftet, wobei sie selbst die Anzahl ihrer Verhaftungen auf etwa 100 schätzte.

Obwohl sie später zusätzlich als Kellnerin arbeitete und in Drag-Shows auftrat, hatte Marsha P. Johnson lange keinen festen Wohnsitz und schlief so entweder bei Freunden, in Hotels, Restaurants oder auf der Straße. Die Arbeit als Drag Queen aber stellte für sie eine sehr erfüllende Tätigkeit dar, die es ihr zum ersten Mal in ihrem Leben ermöglichte, zugleich jemand und sie selbst zu sein. Sie selbst sagte zu diesem Thema einst:

 

„I was no one, nobody, from Nowheresville until I became a drag queen“.

 

Kurz nach ihrem Umzug nach New York lernte Marsha P. Johnson, die damals 17 Jahre alt war, die 11-jährige Sylvia Riviera, ein puerto-ricanisches Transgender-Mädchen, kennen und die beiden wurden schnell gute Freunde. Marsha P. Johnson ermutigte Sylvia Riviera, zu ihrer Identität zu stehen und sich selbst so zu lieben, wie sie war. Auch mit ihrem einzigartigen Kleidungsstil, der aus farbenfrohen lustigen Outfits und Blumenkränzen bestand, die sie meist aus Secondhand-Läden erwarb, steckte sie ihre Freundin an.

Als am 28. Juni 1969 die „Stonewall-Unruhen“ stattfanden, änderte sich Johnsons Leben schlagartig von der Drag Queen hin zur Aktivistin. Am frühen Morgen dieses Tages führte die Polizei eine Razzia in der bekannten Schwulenbar „Stonewall In“ durch und begannen damit, die Gäste zu verhaften. Als Johnson wenig später eintraf, nahm sie eine führende Position im Protest der Gäste und der ansässigen LGBTIQ+ Community ein, die endlich gegen die Ungerechtigkeit und Gewalt, der sie ausgesetzt waren, ankämpfen wollten.

Aus den Stonewall-Unruhen folgten 1970 die erste Gay Pride Parade und die Entstehung von zahlreichen Schwulenrechtsgruppen, in denen anfangs auch Marsha P. Johnson aktiv war. Dazu gehörten beispielsweise die Gay Liberation Front und die Gay Activist Alliance. Der Ausschluss von Transgender- und LGBTIQ+ Personen of Color aus diesen Gruppierungen frustrierte sie jedoch und bewegte sie dazu, sich später aktiv gegen die Transphobie dieser Gruppierungen zu wenden.

Außerdem gründeten Johnson und Riviera 1970 die Transvestite Action Revolutionaries (STAR), die jungen Transgender-Personen half, die von ihren Familien gemieden oder verstoßen wurden. Das sogenannte STAR House diente hierbei als Ort, an dem sich transsexuelle Jugendliche ohne Unterkunft sicher aufhalten konnten. Da sich auch Johnson und Riviera selbst einen solchen Ort gewünscht hätten, als sie nach New York kamen, hatte das Projekt eine sehr wichtige und persönliche Bedeutung für sie.

Darüber hinaus lenkte Marsha P. Johnson als Mitglied der Drag-Gruppe „Hot Peaches“ immer mehr Aufmerksamkeit auf sich, sodass sie 1975 sogar vom bekannten Pop-Art-Künstler Andy Warhol in einer Bilderserie mit dem Titel „Ladies and Gentleman“ abgebildet wurde. Ihr Ziel aber war und blieb die Befreiung und gesellschaftliche sowie rechtliche Gleichstellung von LGBTIQ+ Personen. Im Jahr 1980 durfte sie deshalb sogar im vordersten Wagen bei der jährlichen Gay Pride Parade mitfahren.

Dabei musste Johnson trotz ihres immerwährenden Lächelns immer wieder Rückschläge hinnehmen. So erlitt sie in den 1970er-Jahren psychische Zusammenbrüche, musste einige Zeit in einer psychiatrischen Klinik verbringen und 1990 wurde bei ihr HIV diagnostiziert. Zuvor engagierte sie sich aufgrund von vielen AIDS-Todesfällen in ihrem Umfeld gegen die Krankheit und nahm an einigen Treffen der AIDS-Lobby-Gruppe ACT UP teil.

Nur wenige Tage nachdem sie ihre eigene Erkrankung 1992 in einem Interview öffentlich gemacht hat, wurde Marsha P. Johnson Tod aus dem Hudson River geborgen. Ihr Tod wurde zwar zunächst als Selbstmord eingestuft, viele ihrer Freunde zweifelten jedoch an dieser Einstufung, zumal nach Angaben des New York Anti-Violence Projects 1992 die meisten Anti-LGBTQ-Gewalttaten verzeichnet wurden. Daraufhin wurde der Fall von der Polizei als Ertrinken aus ungeklärter Ursache eingestuft.

Trotz ihres frühen Todes mit nur 46 Jahren bleibt Marsha P. Johnson eine der wichtigsten LGBTIQ+ Aktivistinnen und wird unter anderem mit einem Denkmal in New York und der Umbenennung eines Parks in Brooklyn nach ihr geehrt, denn ihre Taten stellten wichtige Weichen für die gesellschaftliche Akzeptanz und die Gleichberechtigung von LGBTIQ+ Personen, die auch oder gerade heutzutage weiterhin weltweit angestrebt werden muss.

 

Quellen:

https://www.womenshistory.org/education-resources/biographies/marsha-p-johnson
https://www.musikexpress.de/marsha-p-johnson-ein-denkmal-fuer-die-legendaere-drag-queen-und-lgbtqi-aktivistin-1861665/
https://www.biography.com/activists/marsha-p-johnson

LGBTQ-Rechte weltweit

Während hier in Deutschland die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare seit 2017 erlaubt ist und queere Menschen weitgehend geschützt sind, sieht die Realität in vielen Teilen der Welt ganz anders aus. Doch wie steht es eigentlich um die LGBTQ-Rechte in anderen Ländern?

Weltweite Ungleichheiten

Aktuell haben nur 12 Länder, darunter Bolivien, Österreich, Malta und Südafrika, ein ausdrückliches Verbot der Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität in ihrer Verfassung verankert. Bei fast 200 Staaten weltweit entspricht das weniger als 7%. In vielen Ländern gibt es weder Gesetze, die die Rechte der betroffenen Menschen schützen noch Initiativen, die sich um Gleichberechtigung bemühen, was ein großes Hindernis für Menschen der weltweiten LGBTQ-Community darstellt. Eine Auswertung der Hamburger Reisesicherheits-Analysefirma A3M zeigt die Gefahr für queere (Reisende) deutlich: Mit fünf Risikostufen wird weltweit bewertet, wie gefährlich ein Land für LGBTQ-Personen ist, von Dunkelgrün (sehr sicher) bis Dunkelrot (sehr gefährlich). Rund 170 von 200 Ländern fallen dabei in die Kategorien Gelb bis Dunkelrot, was verdeutlicht, dass in der Mehrheit der Staaten weltweit ein erhöhtes Risiko für Diskriminierung, Gewalt oder strafrechtliche Verfolgung besteht. 

Strafen für Homosexualität

In 64 Staaten weltweit wird Homosexualität immer noch strafrechtlich verfolgt. Dazu zählen auch welche der bevölkerungsreichsten Länder der Erde, wie beispielsweise Indien oder Ägypten. In 12 Ländern droht für gleichgeschlechtliche Beziehungen sogar die Todesstrafe, welche zum Teil auch wirklich vollstreckt wird, so beispielsweise in Ländern wie dem Iran, Saudi-Arabien, Somalia und Jemen. Doch auch in Staaten wie Afghanistan, Katar und Mauritius besteht die rechtliche Möglichkeit zur Todesstrafe aufgrund sexueller Orientierung. Ein weiteres Problem besteht darin, dass die zuständigen Behörden Schutz bei Gewalt oder Diskriminierung häufig verweigern und stattdessen sogar teilweise direkt an der Unterdrückung beteiligt sind. Im Zuge dessen müssen auch Täter von Hassverbrechen gegen LGBTQ-Menschen in diesen Ländern kaum strafrechtliche Konsequenzen fürchten, was zu Angst innerhalb der Bevölkerung führt. Auf dem afrikanischen Kontinent stufen beispielsweise momentan 31 Länder einvernehmliche gleichgeschlechtliche Beziehungen als kriminell ein. Dies widerspricht nicht nur den internationalen Menschenrechtsstandards, sondern auch der sogenannten Afrikanischen Charta der Menschenrechte, wobei es sich um ein regionales Menschenrechtsabkommen handelt, das im Jahr 1986 in Kraft trat und eigentlich Gleichheit und Menschenwürde garantiert.

Transrechte

Während immer mehr Aufmerksamkeit auf die Rechte homosexueller Menschen gerichtet wird, gerät die Lage von Transpersonen häufig eher in den Hintergrund. In 14 Ländern der Welt ist es somit strafbar, trans zu sein und allein das Existieren als Transperson kann dort rechtliche Konsequenzen haben. Dazu kommt, dass es häufig keine offiziellen Möglichkeiten zur Änderung des Geschlechts in Ausweisen oder anderen wichtigen Dokumenten gibt. Damit gehen dann automatisch Nachteile wie Diskriminierung im Alltag, nicht ausreichende Zugang du Gesundheitsversorgung und Benachteiligung im Bildungssystem einher.

Positive Entwicklungen – aber langsam

Trotz all dieser negativen Entwicklungen und Situationen weltweit gibt es auch positive Zeichen: So sind mittlerweile beispielsweise in 38 Ländern auf der Welt gleichgeschlechtliche Ehen erlaubt. Bereits im Jahr 2001 waren die Niederlande das erste Land, dass die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare erlaubte und damit einen bedeutenden Meilenstein in der Entwicklung von LGBTQ-Rechten setze. Innerhalb der Europäischen Union sind mittlerweile einige Länder diesem Beispiel gefolgt. So können inzwischen in mehreren Ländern der EU gleichgeschlechtliche Ehen oder wie zum Beispiel in Bulgarien, Rumänien und Polen zumindest eingetragene Partnerschaften geschlossen werden. Die rechtliche Anerkennung ist dabei unterschiedlich stark: Von begrenzten Rechten bis hin zu fast vollständiger Gleichstellung. Als positive Entwicklung zu betrachten ist auch, dass laut einer Studie des Pew Research Centers aus dem Jahr 2019 die gesellschaftliche Akzeptanz weltweit, insbesondere aber in Westeuropa und Nordamerika, steigt. Unterschiede gibt es jedoch nach Region, Religion und Generation. So sind beispielsweise jüngere Menschen den LGBTQ-Rechten gegenüber tendenziell offener.

Reisehinweise für queere Menschen

Queere Menschen, die verreisen wollen, sollten auf jeden Fall darauf achten, ihre Reiseziele sorgfältig zu wählen und sich vorher über die aktuelle Lage der LGBTQ-Rechte vor Ort zu informieren, da ihnen in vielen Ländern selbst als Touristen nicht nur Diskriminierung, sondern auch ernsthafte Gefahr drohen könnte. Der vom Reiseblog Spartacus – International Gay Guide erstellte Gay Travel Index ordnet Länder nach LGBTQ-Freundlichkeit, welche abhängig von der jeweiligen Gesetzeslage, der gesellschaftlichen Akzeptanz und der Sicherheitslage festgelegt wird. Zuletzt lagen bei dieser Auswertung die Länder Kanada, Malta, Neuseeland, Portugal und Spanien auf dem ersten Platz.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die globale Situation für LGBTQ-Rechte nach wie vor sehr unterschiedlich ist und die Menschen, die dies betrifft, in vielen Teilen der Welt mit  erschreckend wenig Akzeptanz und teilweise harten Strafen rechnen müssen. Dennoch gibt es Hoffnung: Der weltweite Aktivismus und die damit langsam zunehmende Aufmerksamkeit in der Gesellschaft helfen, eine Grundlage für bessere LGBTQ-Rechte zu schaffen

 

Quellen

  • https://www.lsvd.de/de/ct/1245-LGBT-Rechte-weltweit
  • https://www.itb.com/de/itb-360°/newsroom/lgbtq-menschen-werden-in-76-laendern-kriminalisiert.html
  • https://off-campers.com/de/blog/gay-travel-index-die-lgbtq-freundlichsten-reiseziele
  • https://ilga.org/state-sponsored-homophobia-report-2024
  • https://www.pewresearch.org/global/2020/06/25/global-divide-on-homosexuality-persists/
  • https://ilga.org/trans-legal-mapping-report
  • https://spartacus.gayguide.travel/gay-travel-index/

Artikelreihe: Pride Month

Nachdem wir als Schülerzeitung im letzten Jahr bereits eine Artikelreihe zum Thema Frauenrechte und Feminismus gemacht haben, kam dieses Jahr, anlässlich des Pride Month, die Idee auf, eine Artikelreihe der LGBTQI-Bewegung zu widmen. Unsere Artikelreihe umfasst nicht nur Portraits über queere Ikonen oder einen Bericht über die internationale Lage für die Pride-Bewegung, sondern auch Kommentare zu diesem gesellschaftlich viel diskutierten Thema.

Mit unserer Artikelreihe möchten wir über Vorurteile aufklären und zum Nachdenken anregen. Wir möchten aufzeigen, wie sehr Angehörige der LGBTQI-Community auch heutzutage noch angefeindet und verfolgt werden. Denn um Toleranz zu schaffen, ist Information und Verständnis enorm wichtig.

Viel Spaß beim Lesen!