Interview mit Frau Kleine
Bitte stellen Sie sich einfach mal kurz vor.
Ich bin Annika Kleine und mittlerweile seit einigen Jahren Lehrerin am Lessing-Gymnasium. Ich bin 35 Jahre alt, ich komme ursprünglich aus Niedersachsen und meine Fächer sind Englisch, Geschichte und Informatik. Und ich würde mich als queer bezeichnen.
Warum haben Sie sich entschieden, Lehrerin zu werden, und was gefällt Ihnen besonders an Ihrem Beruf?
Ich habe gemerkt, dass ich den Arbeitsraum Schule sehr gerne mag, auch wenn ich selber nicht immer gerne zur Schule gegangen bin. Ich fand Bildung und die zahlreichen Möglichkeiten, Bildung zu gestalten, die man bei verschiedenen Lehrkräften gesehen hat, immer spannend und habe bei ganz vielen auch gesehen, dass da noch unausgeschöpfte Potentiale sind. Und ich habe dann gemerkt, dass ich sehr gerne mit jungen Menschen zusammenarbeite.
Sie unterrichten ja Englisch, Geschichte und auch Informatik. Wie sind Sie zu dieser Fächerkombination gekommen?
Englisch war eigentlich schon immer klar; das war immer schon mein Lieblingsfach. Und dann musste ich für das Studium ein Zweitfach wählen und das war eher nach dem Ausschlusskriterium: Was funktioniert für mich noch und was ist im Zweifelsfall zulassungsbefreit? Also wo brauche ich jetzt nicht so einen krassen NC, um reinzukommen? Und da hat Geschichte dann irgendwie gepasst. Und Informatik ist jetzt vor kurzem erst dazugekommen, weil es bei uns ein so krasses Mangelfach ist, dass das Ministerium eine Ausbildungsinitiative gemacht hat und quasi alle, die nicht bei drei auf dem Baum waren, noch zum Informatiklehrer ausbilden möchte.
Neben Ihren Unterrichtsfächern leiten Sie auch noch eine Arbeitsgemeinschaft, in der es künstlerisch zugeht. Was genau machen Sie in dieser AG und wie ist es dazu gekommen?
Ich habe vor zwei Jahren die AG „Miniaturenbemalung“ – sehr schmissiger Titel – ins Leben gerufen. Ich habe während Corona so ein bisschen angefangen, mich selber nach so künstlerischen Möglichkeiten umzugucken. Was kann man zu Hause so an Unsinn machen? Und ich bin auf Figurenbemalung gekommen, so im Kontext von Warhammer und anderen Marken. Nicht weil ich das jemals gespielt habe, einfach weil sich das irgendwie angeboten hat. Das hat eine Schnittmenge mit Brettspielen, und dann bin ich da irgendwie so ein bisschen reingerutscht und habe gemerkt, dass das etwas ist, was einen so nebenbei ein bisschen erfüllen kann. Man muss sich dann halt sehr konzentrieren; es sind zum Teil sehr kleine Figuren, das heißt, es zwingt einen dazu, in einen Zen-Bereich zu kommen. Und ich dachte, vielleicht kann man das Schüler*innen auch anbieten. Ich hab eine Kooperation mit einer großen Marke ins Leben gerufen und kriege da Material zugeschickt, weil das sonst finanziell natürlich auch immer eine Problematik ist.
Gibt es denn irgendein besonders lustiges oder schönes Ereignis aus Ihrer bisherigen Zeit als Lehrerin?
Ich würde behaupten, jeden Tag passieren absurde und lustige Sachen. Das ist auch ein Grund, warum ich so gerne mit jungen Menschen arbeite, gerade wenn man mit Humor da rein geht, weil man auch mit Humor aufgenommen wird, auch wenn Dinge schief gehen. Wenn man kein Arschloch ist, wird einem das auch nie negativ ausgelegt. Das Lustigste, was mir je passiert ist, und mittlerweile kann ich darüber lachen, ist tatsächlich eure Kursfahrt (Kursfahrt der Klasse Eks im letzten Schuljahr) gewesen und das verschwundene Theater, das nicht da war, wo es sein sollte. Nicht da, wo es auf der Rechnung stand, nicht da, wo es bei Google Maps stand, sondern ganz, ganz woanders. Und ich bin immer noch sehr dankbar, dass ihr das sehr entspannt aufgenommen habt. Und wie gesagt, jetzt kann ich darüber lachen. In dem Moment war es natürlich ein fürchterlicher Moment.
Immerhin werden sich alle für immer daran erinnern. So kann man es positiv sehen.
Ganz genau. Ich habe letztens noch unsere Aufarbeitung in Make it Meme dazu gesehen und dachte so: Ja, okay, I feel it.
Wenn Sie ein komplett neues Unterrichtsfach einführen dürften, was für eins wäre das?
Wenn man sich die aktuellen Ereignisse so anguckt, würde ich sagen, Medienbildung und Demokratiebildung. Es gibt da sicherlich Überschneidungen mit dem Fach WiPo und auch mit Informatik, aber das Fach Medienbildung würde junge Menschen zielgerichteter dazu befähigen, sich in der aktuellen Welt zurechtzufinden und kriteriengeleitet Dinge zu hinterfragen, gerade auch, was KI und Fake News angeht. Das kommt bei uns manchmal zu kurz, weil das in allen Fächern so ein bisschen enthalten sein soll, aber ja auch keine Lehrkraft so mega viel Zeit dafür hat. Deshalb wird es dann stiefmütterlich irgendwo am Rande behandelt. Dabei wäre es etwas, auf das wir aktuell eigentlich sehr viel Wert legen sollten, gerade für Medienbildung müsste viel mehr investiert werden.
Gibt es denn generell etwas, von dem Sie sagen, dass es Ihnen beim Umgang in der Schule sowohl zwischen Schüler*innen als auch zwischen Schüler*innen und Lehrkräften besonders wichtig ist?
Ich finde, Offenheit, Fairness und Toleranz sind ganz wichtige Aspekte und in vielerlei Hinsicht werden die hier am Lessing-Gymnasium auch ausgelebt. Ich würde behaupten, die meisten meiner Kolleg*innen sind offen und tolerant, wie in jedem Querschnitt der Gesellschaft natürlich nicht alle, aber die meisten. Und auch die meisten Schüler*innen sind offen und tolerant. Aber auch da ist natürlich immer noch ein bisschen Ausbaubedarf. Wir haben das ja nicht zuletzt bemerkt, als wir Plakate zum Thema Gender Diversity aufgehängt haben, die schnell schon wieder abgerissen oder weg waren. Gerade da wollte ich eigentlich nochmal hinterher sein, man merkt, dass es manchmal auch Strömungen unter der Oberfläche gibt, von denen man vielleicht gar nicht so direkt etwas mitkriegt. Aber ich habe das Gefühl, dass wir in Gänze eigentlich eine sehr zugewandte Schülerschaft haben, mit der man eigentlich immer Scherze machen kann und die auch gut miteinander harmoniert.
Was ist für Sie die wichtigste Eigenschaft eines Lehrers oder einer Lehrerin?
Offen zu bleiben und sich klar zu machen, dass man selber auch immer weiter lernt und nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen hat. Sicherlich gibt es Inhalte, die man, wenn man etwas studiert hat, detaillierter oder besser kennt als die Schüler*innen, aber es kommen so vielen Inhalte jeden Tag neu dazu. Die Gesellschaft verändert sich, die Schülergenerationen verändern sich und das muss auch nicht immer etwas Negatives sein. Auch wenn es natürlich immer mal wieder Leute gibt, die das als negativ ansehen, nach dem Motto, früher war alles besser, früher haben die Schüler*innen das und das gemacht. Man muss offen bleiben und sich an neue Gegebenheiten anpassen. Ich habe das Gefühl, dann nimmt man auch selber sehr viel davon mit und findet neue Wege, zu connecten.
Dann zum Ende nochmal ein kleiner Themenwechsel: Sie haben ja eben schon erwähnt, dass Sie gerne kleine Figuren bemalen. Was machen Sie denn sonst gerne, wenn Sie nichts mit der Schule zu tun haben?
Ich befürchte, ich habe sehr viele Hobbys. So viele Hobbys, dass ich sie manchmal gar nicht alle unterkriege und dann so phasenweise mal mehr Filme gucke, mal mehr Videospiele spiele. Ich lese unglaublich gerne, komme da im Moment aber gar nicht wirklich zu, deshalb ich bin jetzt auf Hörbücher umgestiegen. Aber ich würde mich definitiv als Nerd bezeichnen, dem widerspricht sicherlich auch niemand, der mich kennt. Und ich würde sagen, ich gehe auch sehr gerne auf Konzerte, je kleiner, desto besser und ich lerne auch einfach gerne neue Dinge. Ich habe mir jetzt ein Set zum Löten lernen gekauft, weil ich nicht löten kann und auch niemanden kenne, der es kann. Also warum nicht mal Löten lernen, sich einfach mal so etwas kleines, absurdes aneignen. Ich wünschte, mein Tag hätte viel mehr Stunden.
Dann wären wir tatsächlich auch schon bei der letztem Frage: welchen Rat würden Sie jeder Schülerin und jedem Schüler geben?
Selbstbewusstsein. Natürlich gesundes und hoffentlich fundiert durch eine gute Persönlichkeit. Und man sollte Sachen immer offen ansprechen und nicht so viel unter der Oberfläche schwälen lassen. Gerade wenn man Probleme mit Lehrkräften, Mitschülern oder Freuden hat, ist es immer wichtig, Dinge offen anzusprechen, denn was nicht angesprochen wird, kann auch nicht gelöst werden und wird nicht besser. Deshalb glaube ich, dass Offenheit und direkte Gespräche die beste Möglichkeit sind, auch für sich selber einen guten Weg zu finden.
Vielen Dank für das Interview!




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